Montag, 15. Oktober 2012
„Die Europa-Zwiebel“
Ein freier Mensch sein oder ein Geld-UN-Wesen haben.
Es scheint in der wechsel- und leidvollen Geschichte unseres Kontinentes immer wieder Phasen zu geben, wo Einigungsbestrebungen zum Tragen kommen und große Fortschritte verwirklicht werden. Daneben existieren aber auch finsterste Abschnitte des Grauens, Abirrens und Blutvergießens.
Ein erster großer Impuls war sicher die Duldung bzw. das Erheben des Christentums zur Staatsreligion unter Konstantin (313 n. Chr.) und Theodosius (381)
Ein weiterer Schritt zur Einigung kann im Reich Karls des Großen (768-814) gesehen werden.
Wenn man die Schrift „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis (1772-1801) mit ihrem prophetischen Titel heranzieht, könnte man die Geschichte Europas auch als „Häuten einer Zwiebel“ ansprechen : Wir nähern uns ihrem Kern bildlich und übertragen „unter Tränen“, tatsächlich wie beim Zwiebel-Schälen.
Was ist nun der Kern von „Europas Zwiebel“ ?
Um mit Martin Luther zu sprechen : „Die Freiheit eines Christenmenschen“.
Um diese im gesellschaftlichen Zusammenleben zu verwirklichen, haben die Völker Europas schwere Opfer gebracht. Immer wenn sie bewusst oder unbewusst vom immanenten Ziel abirrten, wenn der nächste Entwicklungsschritt zwar fällig war, die Machthabenden aber nicht reif dafür, brach sich die Entwicklung unter heftigen Geburtswehen und allzu oft auch blutig Bahn.
So vollzog sich auch die Abkehr eines beträchtlichen Teils der Christenheit von der überholten Autorität eines Papstes in den Wirren des 30-jährigen Krieges.
Man kann die Französische Revolution begreifen, als das Abschneiden des genauso überholten absolutistischen Zopfes. Die Entwicklung durchlief dann das Werden der Nationalstaaten. Aber auch dieses Stadium war nur ein Durchgangsstadium, von dem es sich, spätestens mit dem rückwärts gewandten Wahn der Nazis von Blut und Boden, galt wieder zu lösen. Das Nationale musste überwunden werden, durch eine höhere Idee : die Idee der Europäischen Gemeinschaft. Die erbitterten Gegner des Ersten und Zweiten Weltkrieges söhnten sich nicht nur aus. Der ungeheure Blutzoll half das begrenzte Nationale für das Höhere aufzugeben. Seitdem nähert sich Europa beispielhaft der Verwirklichung des humanistischen Ideals von Toleranz und Akzeptanz des Individuums und seiner freien Entfaltung.
Spätestens aber die Finanzkrise 2008 macht den nächsten „Feind“, bzw. das fällige Überwinden eines neuen Anachronismus deutlich : den unreflektierten, globalen Gebrauch des Geldes.
Vom jetzigen, völlig unkontrollierten Geld-Un-Wesen geht mindestens soviel Gefahr für die Menschheit aus, wie vom atomaren Wettrüsten und dem Kalten Krieg seit der Kuba-Krise (1962).
„Die Freiheit eines Christenmenschen“ ist schlicht unvereinbar mit einem Geld-und Finanzwesen, dass den Menschen nicht mehr dient, sondern sich selbst zum absoluten Beherrscher der Verhältnisse aufgeplustert hat. All das, was die Menschheit sich bis in unsere Tage hinein errungen hat an verwirklichter Nächstenliebe, all das, was sie den Widrigkeiten des Lebens an solidarischen Organisationen entgegen gestellt hat, ist in Gefahr unter der Knute des Geld-Un-Wesens wieder verloren zu gehen. Aus den sozialen Sicherungssystemen droht Armut zu erwachsen; die soziale Scheere zwischen immer mehr Wohlstand in immer weniger Händen und immer mehr Mittellosen ohne Aussicht auf Besserung, klafft unübersehbar immer weiter auseinander – und das global !
Wieder geht es darum, einen Evolutionsschritt zu bewerkstelligen : aus Einsicht – oder durch das Elend, das aus verweigertem Aufwachen erwachsen wird.
Es geht um nicht weniger, als zu durchschauen, dass unser derzeitiges Geld gravierende Geburtsfehler hat.
In ihrem sehr lesenswerten Buch „Der größte Raubzug der Geschichte“ von M. Weik und M. Friedrich (Tectum, 2012)* sind die beiden Autoren bereits auf der richtigen Spur, wenn sie die Grundsatzfrage aufwerfen , was ist Geld und wie entsteht es ?
Sie unterscheiden zwei Arten von Geld :
a) „gedecktes Geld“
Entweder wurde werthaltiges Münzgeld, der Silberdollar z.B. hergestellt (1792) oder das Versprechen gegeben das an sich wertlose Papiergeld auf Verlangen in die entsprechende Menge Edelmetall zu tauschen. Das gab es bis zur Aufkündigung der Golddeckung- bzw. Bindung des Dollars am 15. August 1971 durch den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. Damit war das Abkommen von „Bretton Woods aus dem Jahre 1944, in dem sich 44 Nationen über ein System von festen Wechselkursen zum goldgedekten Dollar verständigt hatten, Geschichte.
Seither gibt es nur noch
b) „ungedecktes Geld“, sog. „FIAT“-Geld („es werde“).
Dieses Geld wird regelrecht aus dem Nichts geschaffen und basiert einzig und allein auf Vertrauen und dem Rechtsstaat, der es als Zahlungsmittel deklariert.
Ab diesem Zeitpunkt haben wir den nicht genug zu hinterfragenden Zustand, dass eine Zentralbank dieses aus dem Nichts geschaffene Geld, beispielsweise die FED (USA) oder die EZB (europäische Zentralbank), ausgibt an die Geschäftsbanken. In der Regel, (besonders jetzt), tut sie das zu einem (sehr) niedrigen Zinssatz, wogegen die Geschäftsbanken dieses Geld ihren Kunden mit einem satten Aufschlag weitergeben. Diese Zinsdifferenz ist das Geschäftsmodel, das ihnen ein sorgloses Dasein ermöglicht. Unverständlicher weise mutet der Staat sich selbst zu, das Geld, mit dem er seine Aufgaben finanziert, als Kredit, mit diesen Zinsaufschlägen von den Geschäftsbanken und anderen Finanziers zu nehmen. Staatsanleihen werden über den „freien, kapitalistischen, besser gesagt: rendite-gierigen Geldmarkt eingesammelt. Damit macht sich der Staat selbst zum Objekt der Spekulanten und Haifische. Und dass, obwohl er der letztendliche Garant ist für dieses Zahlungsmittel !
Ein sehr merkwürdiger Vorgang, der sich gerade in der aktuellen Finanzkrise ad absurdum führt, da die Staaten irrwitzige Milliardensummen zur Rettung genau dieser Finanzbranche aufbringen mussten, die sich
einerseits im globalen Finanzkasino heillos und brandgefährlich verspekuliert hat und die droht die Weltwirtschaft mit in den Strudel ihres Unterganges hinabzuziehen und die
andererseits genau diesen Staaten, die sie retten mussten, ihre überbordende Staats-Verschuldung vorwirft und mittels Rating-Agenturen die Zinsen explodieren lässt, was die Staaten in den Ruin treibt.
Die Rettungsschirme wurden ja gerade deshalb notwendig, damit sich die Staaten vor den spekulativen Angriffen des freien Finanz-Marktes schützen können und seinem Druck nicht hilflos ausgeliefert sind.
So verlangte eben dieser Kapitalmarkt von Griechenland im Winter 2012 ganz klar sittenwidrige 28 % Zinsen. (Deutschland leiht sich für 1,76 % Geld)*.
Ist das nicht eine überaus denkwürdige Art von Dankbarkeit ?
Man lässt sich quasi selbstverständlich als Banker und Bankster retten – ist „man“ doch „systemrelevant“ ! - hat aber keinerlei Skrupel die andere Seite hopps gehen zu lassen, wenn es darum geht, Geld in klamme Staaten zu stecken, an denen man jedoch jahrelang gut verdient hat ?
Beim Geld verdienen waren die Staatsanleihen willkommen. Jetzt in der Krise, wo Verantwortung und Revanchieren für die glänzenden Geschäfte gefragt wären, (wie in jeder guten Ehe : „in guten wie in schlechten Zeiten ...“), da lässt man die Staaten im Stich; da gilt der blanke Egoismus. Wenn ich mein lieb gehabtes Geld nicht sicher wieder zurückbekomme, dann betreibe ich Zinswucher – nur zur Vorsicht – aber bis zum Untergang der anderen Seite!
Soll das jetzt soziale Marktwirtschaft sein ? Oder Demokratie – Herrschaft des Volkes ?
Wer heute noch behauptet, alle Macht geht vom Volke aus, ist nicht zurechnungsfähig.
Mit der Entstehung von Geld aus dem Nichts durch Zentralbanken, ist die Geldentstehung aber noch nicht zu Ende beschrieben. Die Geschäftsbanken ihrerseits schaffen noch einmal beträchtliche Summen selbst, in dem sie Kredite ausgeben. Dabei müssen sie lächerliche Sicherheiten bringen, wie 2 % Mindestreserve, die bei der Zentralbank zu hinterlegen sind. M. Weik und M. Friedrich rechnen vor, wie z. B. aus unglaublichen 200 € Reserve 10 000 € Kreditsumme sich herleiten lassen (*S.28)
Noch abenteuerlicher wird es aber, wenn die Geschäftsbanken Staatsanleihen kaufen, sprich Kredit an Staaten vergeben. Dafür müssen sie keinerlei Eigenkapital hinterlegen – denn Staaten können ja nicht pleite gehen ??? -(*S. 33) Griechenland lässt grüßen. Als „Konsequenz“ aus der Krise sind nunmehr generell schlappe 9 % Eigenkapital-Quote von den Banken verlangt. Damit ist jede Bank immer noch klar eine wackelige GmbH. (Gesellschaft mit beschränkter Haftung)
Beide Geldentstehungsarten haben aber etwas, meist nicht sonderlich beachtetes gemeinsam : es wird Geld geschaffen, das mittels Zins und Zinseszins ständig vermehrt wird. Gelangt dieses an sich schon uferlose Geld dann in die Hände von cleveren Spekulanten, „wirft es pausenlos Junge“ !
Jeder mathematisch halbwegs gebildete Mensch kann sich davon überzeugen, dass unsere globale Geldmenge unaufhörlich wächst und das dieses Wachstum in einer exponentiellen Kurve geschieht. Das heißt, während sich die ersten 20-30 Jahre der Anstieg langsam vollzieht, explodiert er dann; die Verdoppelung erfolgt in immer kürzerer Zeit.
Das heißt nichts anderes, als das binnen rund 50 Jahren die Geld-Wirtschaft die Real-Wirtschaft in ungeheurem Maße überflügelt. Damit drehen sich alle Machtverhältnisse um. Nicht mehr die großen Konzerne, die etwas herstellen, Autos, Computer etc. sind bestimmend, sondern diejenigen, die als Kapital- und Kreditgeber das Rad der Wirtschaft drehen oder stillstehen lassen können.
Einmal geschaffen und in Umlauf gebracht, treibt dieses „endlose“ Geld sein Unwesen und seine Besitzer werden mächtiger, als ganze Staaten. Was die Russen als „gefürchtete zweite Supermacht“ im kalten Krieg nicht geschafft haben, könnten Rating-Agenturen über Nacht vollbringen, wenn sie die USA in ihrer Kreditwürdigkeit herabstufen. Am nächsten Morgen wäre Amerika pleite und die Chinesen säßen auf einem Berg wertloser Dollar und Staatsanleihen. Die Weltwirtschaftskrise in noch nie dagewesenem Ausmaß wäre da.
Die wirkliche Macht steckt in diesen Unsummen von Spekulations-kapital, das unkontrollierbar um den Globus rast, auf der Jagd nach der höchsten - also skrupellosesten Rendite, die sprich-wörtlich über Leichen geht. Völlig aus dem Ruder gelaufene, gänzlich von der Realwirtschaft abgelöste Milliarden- und mittlerweile Billionensummen haben das Sagen, prägen das „Ambiente“ der Erde auf ihre gnadenlos habgierige Art.
Dieses nomadenhafte Geld ist ent-menschlicht und es ent-menschlicht !
Dieses Geld ist nur noch eines : Einfallstor des Bösen !
Insofern haben wir mehr als eine Euro-Krise ! Es steht das große Ideal auf dem Spiel. Das Ideal eines freien Menschen, der sich aus eigenem Entschluss sozial verhält. Dieser Freie kann aber nur erwachsen, sich entfalten und gedeihen, wenn er in einer freien Gesellschaft geboren wird und frei entwickeln kann, was er in sich trägt.
Dabei sollen wir aber nicht die Augen davor verschließen, dass für uns Menschen durchaus das gilt, was schon Goethe „Zwei Seelen wohnen ach, in meiner Brust“ genannt hat. Wir tragen beides in uns : das soziale, wie das antisoziale. DAS unterscheidet uns aber vom Tier : wir KÖNNEN uns zum sozialen Wesen entwickeln, wenn wir dahin gefördert und impulsiert werden.
In einer Gesellschaft aber, die durch und durch vom Antisozialen in Form skrupellosester Spekulation und Renditejagd okkupiert ist, kann es keine Atmosphäre geben, die Kinder zum sozialen hin inspiriert. Überall, auf dem Acker, im Tierstall, in jedem Supermarkt, in allen Medien regiert die Gier; das nimmersatte Bestreben des spekulativen Geldes nach grenzenloser Vermehrung – um jeden Preis – es drückt das Menschliche zu Boden, es tritt den Menschen und die Kreatur in den Dreck.
Ob es der genmanipulierte Mais ist, der ja nicht erfunden wurde, weil er besser schmeckt oder gesünder ist, sondern weil von diesem Saat-Gut abhängig gewordene Bauern die Rendite des eingesetzten Kapitals garantieren – ob zentrale Großanlagen zur Energiegewinnung jede dezentrale Initiative niederbügeln; ob sich große Konzerne daran machen, Trinkwasser zum Rendite-Objekt zu pervertieren - immer ist es das Diktat des großen Geldes, was zu ungesunden Verhältnissen führt; bis dahin, dass die Mehrheit der Steuerzahler, die kleine Minderheit der Zocker retten musste, die zu große Risiken eingegangen ist – nun aber die Realwirtschaft mit in den Strudel ihres drohenden Unterganges zieht.
Das außer Rand und Band geratene Geld-UN-Wesen verlangt danach durchschaut und wieder gezügelt zu werden. Das ist es, was mit der Finanzkrise heraufgezogen ist, hinter der Euro-Krise lauert und den freien Menschen existenziell bedroht.
Insofern wurde der Friedensnovellpreis zwar zurecht dem Träger einer großen Idee verliehen, aber zugleich einem Bettlägrigen, dem man zurufen möchte : Lazarus, wach auf ! Begreife, dass Geld ein Verfallsdatum braucht, weil es Waren und Dienstleistungen repräsentieren muss, die dem Zahn der Zeit zum Opfer fallen. Es kann nur real bleiben, wenn es diesen irdischen Zerfall abbildet. Ansonsten verlässt es den Boden der Realität und wird unweigerlich „Schein“-Geld mit all seinen gefährlichen Konsequenzen.
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Um in einer noch fehlerhaften Makroökonomie existieren zu können, die Massenarmut, Umweltzerstörung und Krieg unvermeidlich macht, bedarf es eines dazugehörigen Betriebssystems (Programmierung des kollektiv Unbewussten) für alle Wirtschaftsteilnehmer, damit sie die makroökonomischen Konstruktionsfehler nicht erkennen. Das - und nichts anderes - war (und ist noch) der ganze Zweck der Religion (Rückbindung auf künstliche Archetypen).
AntwortenLöschenFür die Korrektur der makroökonomischen Konstruktionsfehler und den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, ab dem allgemeiner Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden selbstverständlich werden, muss zuerst das veraltete Betriebssystem gelöscht werden:
www.juengstes-gericht.net